Erste Miss-Wahlen

Am Donnerstagnachmittag hatten wir uns gerade nach einem ausgiebigen Spaziergang zum Ausruhen niedergelassen, als es mal wieder unruhig im Haus wurde. Good Luck machte einem mittleren Aufruhr in der Küche und Unke sprang neue Riefen in die Küchentür. Frauchen rannte mit unserem Pflegekorb durchs Haus. Darin hat sie lauter Folterwerkzeuge für Leos: Scheren, Bürsten, kleine Messer für Knüdel, Ohrputztücher und vieles mehr.
Immer, wenn Antares und Colja diesen Korb sehen, verschwinden sie ganz leise in den Flurecken und machen sich möglichst unsichtbar. Nur nicht auffallen, vielleicht übersieht sie uns ja, heißt ihre Devise. Sie sind aber auch wirklich sehr sensibel. Ich hingegen habe es ganz gern, wenn sie micht kämmt. Zugegeben ziept es manchmal, aber es kribbelt auch schön auf der Haut. Deshalb kam ich dann auch zuerst dran und wurde frisiert und gestriegelt, bis jedes einzelne Haar glänzte.
Auch Antares und Colja entkamen ihr nicht. Das Pfotenfell wurde geschnitten, die Ohren geputzt bis sie schneeweiß waren und am Ende waren auch ihre schönen schwarz-roten Rückenhaare hochglänzend. Sie sehen dann richtig schick aus, aber das sage ich ihnen natürlich nicht. Sonst bilden sie sich womöglich noch etwas ein.
Eigentlich fand ich diese ganze Aktion aber etwas ungeschickt und überflüssig, weil es draußen seit Tagen regnete und unser Auslauf einem „Sumpfloch“ sehr nahe kam.
Am Freitag durften wir auch nicht mehr im Matsch toben, sondern nur nach an der Leine gehen. Nachmittags wuchtete Frauchen dann eine große viereckige Blechkiste auf Rädern auf den Flurtisch. Erstaunlich, was sie darin alles verstaute: Trinknapf, Wasserflasche, Äpfel, Leckerlis mit Käse (Ob die für mich waren?) Bürsten, neue Leinen, Kuscheldecke, Handtücher, Papiere und ein Knistertüte mit Herrchens Leckerlis.
Ob wir einen Ausflug machen wollten? Vielleicht zu dem Riesensumpfloch vom Sommer? Ob ich mit durfte ? Ich war schon ganz gespannt.
Wir gingen sehr früh schlafen, und als es noch stockfinster war, wurden wir schon wieder geweckt. Eigentlich hatte ich gar keine Lust aufzustehen. Doch es roch schon nach Kaffee, mein Fressnapf war gefüllt, und die große Blechkiste wurde in unserer schwarzen Blechdose verstaut. Dann ging die Haustür auf, die Blechdose war offen. Antares, Colja und ich rasten die Treppe runter, keiner hielt mich zurück. Ich durfte mit! Klasse!
Gleich hinter der Blechkiste auf Rädern schmiss ich mich hin, Colja machte sich neben mir breit und Antares, tja, der musste leider erstmal stehen. Diesmal war ich schneller. Als die Blechdose losbrummte, haben wir ihm aber doch noch Platz gemacht.
Nach und nach wurde es hell. Die Blechdose brummte und summte immer noch, die Bäume und Häuser flogen vorbei, dass mir fast schwindelig wurde und wir lagen eine lange Zeit bis die Blechdose endlich wieder zum Stehen kam.
Umgehend sprangen wir auf, drängelten und schoben uns an die Fenster, die Heckklappe öffnete sich, und in einem Riesensatz sprangen wir raus. Dafür ernteten wir aber nur ein höllisches Gebrüll und blieben wie angewurzelt stehen. Ach ja, wir sollten uns ja gut benehmen, nicht sofort losrennen und vor allem nicht ungebremst alles und jeden überschwänglich begrüßen. Wir sind ja gut erzogen, wie langweilig.
Aber alles in allem verschlug es uns sowieso die Sprache. Wir standen inmitten von hunderten unterschiedlicher Blechdosen aller Größen und Farben. Zwischen allen und aus allen kläffte und brüllte es aus unzähligen Hundekehlen: große schwarze mit ganz viel Fell, kleine, arrogante mit Locken, die auf Zehenspitzen durch die Pfützen tänzelten und braune mit wenig Fell, deren Rücken so krumm war, als würde sie ständig einer unter dem Bauch kitzeln. Ich hab die Ohren schnell zugeklappt.
Zum Glück gab es in der Ferne auch ein paar Leonberger. Sie hätte ich gern begrüßt, aber ich musste erst einmal Pipimachen gehen. Vor lauter Gucken konnte ich jedoch keinen Tropfen lassen.
Nun rannte ich ganz schnell hinter Colja und Antares her in ein riesiges Haus, das noch höher als unseres im Sumpfloch war. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Anatres kannte das schon und meinte, dass es darin nicht gefährlich wäre und Colja stand wie immer im Weg herum. Glücklicherweise trafen wir noch ein hübsches Leo-Mädchen mit seinem netten Herrchen und zusammen mussten wir in einer langen Reihe stehen, drängeln und warten. Frauchen kramte in der Blechkiste rum und Colja nervte, weil er sofort in das nette Mädchen verliebt war. Er ging nur rückwärts vorwärts, fiepte unablässig und und wollte sie immer wieder mit Küsschen begrüßen. Dann gab es aber endlich ein wenig Luft um die Nase und alle die gewartet hatten, rannten in eine andere Richtung. Wir stratzten im Eilschritt durch eine große Halle mit lauter kleinen Verkaufsläden, aus denen es himmlisch nach Leckerlis duftete. Gut, dass keiner so genau wußte, wo wir hin mussten, so drehten wir eine Runde nach der nächsten. Es roch appetitlich, aber ich durfte nichts nehmen.
„Pfui! Lass das! Nase weg!“, meckerte Frauchen, und zog an der Leine. Sie hatte wohl schlechte Laune. Ich nahm mir vor, später, wenn sie mal nicht aufpasste, doch das ein oder andere Schweineohr zu kosten.
Die Körbe mit den Leckerlis sollten doch nicht umsonst dort stehen. Außerdem ist es ja auch ausgesprochen unhöflich, etwas, das man angeboten bekommt, nicht zu probieren.
Endlich kamen wir in eine Halle, in der lauter Vierecke aus Flatterbändern abgeteilt waren. Dort saßen schon andere Leos mit ihren Frauchen und Herrchen. Manche schliefen in Gitterkästen. Gut, dass keiner auf die Idee kam, mich in so einen Gitterkasten zu sperren. Ich wäre auf keinen Fall freiwillig hineingegangen. Frauchen sperrte ihre Jacke ein und wir durften auf unserer Kuscheldecke vor den Käfigen liegen. Aber so richtig zur Ruhe kamen wir dort nicht. Frauchen zippelte an uns herum und holte immer wieder die Bürste heraus. Mann, war sie aufgeregt! Es kamen immer mehr Menschen und immer mehr Hunde und Leos.
Plötzlich standen da zwei Herrchen, die sich sehr schick gemacht hatten (Unser Herrchen schmückt sich nie so für uns, er trägt immer eine Handwerkerhose und in den Taschen hat er Schrauben, Nägel und Bleistifte, weil er immer etwas baut oder repariert, denn ab und an geht bei uns mal was kaputt.) in den Flatterbändervierecken und riefen uns zu: Hündinnen Jüngsten. Was sollte das denn wieder heißen? Hatten die sich für mich so schick gemacht? Jedenfalls sprang Herrchen auf, zerrte an meiner Leine, ich musste schnell mitkommen, durch die Menschen drängeln und mich in dem einen Viereck mit zwei weiteren Leomädchen aufstellen.
Das elegant gekleidete Herrchen war sehr nett zu mir, ich mochte ihn und ich glaube und hoffe, dass ich ihm auch gefallen habe. Jedenfalls war er lieb zu mir, hat meine weißen Zähne bewundert und über mein Fell gestreichelt. Einer eifrigen Dame, die alles aufgeschrieben hat, hat er zugerufen, wie er mich findet. Verstanden habe ich das nicht, aber Herrchen schien ganz zufrieden zu sein. Ich bekam eine Metallscheibe am Band und war ganz stolz, dass mich jemand so beachtet hat. Nur Leckerlis hatte er nicht dabei. Schade!

Danach durfte ich wieder gehen und auf der Decke warten. Antares wurde von Frauchen in das andere Flatterbänderviereck geschleppt. Dort standen viele Leos. Jeder wurde von dem geschmückten Mann bewundert und vier von ihnen durften sich hinter einem weißen Schild aufstellen. Anatares musste als vorletzter gehen.
Dann „eilte“ Frauchen mit Colja (Mit Colja kann man nicht eilen, er ist nur dann schnell, wenn er durch das Unterholz brechen darf.) zu diesem netten Herrchen. Auch er wurde aus jeder Richtung bewundert, durfte seine schönen Zähne zeigen und durch das Flatterbänderviereck stolzieren. 

Das tat er mit Genuss, hatte dabei aber immer auch das hübsche Mädchen vom Morgen im Auge. Ich glaube, dass er vor ihr etwas angeben wollte. Jedenfalls durfte Colja am Ende hinter einem weißen Schild mit einer 2 platznehmen. Dabei beobachtete er unablässig das hübsche Mädchen aus dem Augenwinkel. Er bekam einen kleinen Fressnapf für Miniportionen auf einem Stiel geschenkt.
Anschließend stolzierten noch viele Leos durch die Flatterbändervierecke. Ein wirklich schönes Mädchen wurde am Ende „Miss Kassel“. Sie war groß, kräftig, hatte schönes Haar und schaute besonders geistreich. Sie bekam einen etwas größeren goldenen Trinknapf auf einem Stiel geschenkt. Alle Menschen waren einverstanden und freuten sich, besonders das Herrchen dieses Leo-Mädchens. Ob ich auch einmal hinter so einem weißen Schild platznehmen darf und so einen Trinknapf geschenkt bekomme?
Alle waren müde und haben den Rest des Tages inklusive der Heimfahrt verschlafen. Nur Herrchen und ich blieben wach, denn er musste die Blechdose lenken und ich hatte zu allem, was ich erlebt hatte, viele Fragen und ausführlich nachzudenken.
Als wir zu Hause aus der Blechdose springen durften, musste ich ganz viel Pipi. Es gab ein wunderbares Abendessen nach diesem außergewöhnlichen Tag. Mir hat es gefallen. Das können wir bald mal wieder machen. Am nächsten Tag durfte ich dann wieder mit Good Luck durch den Wald und im Matsch toben.

Das „schwarze“ Wollknäul ist gar nicht mehr so schwarz,

und es wächst und wächst.

Sie ist immer auf der Suche nach irgendeinem Spielzeug,

findet die besten Stöckchen und will immer mit mir um die Wette durchs Unterholz rasen,

obwohl ich gar nicht immer Lust dazu habe

und schon mal ganz gern gemütlich neben Frauchen gehe.

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